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MoX Kino-Tipps21.10.2026
Texte: Horst E. Wegener
Chopin – Eine Sonate in Paris
Frankreich/ Polen ´25; R: Michal Kwiecinski. Ab 22.10. Wertung: **** Bild: Neue Visionen Filmverleih
In Paris anno 1835 wird der 25-Jährige Frédéric Chopin (Kulm) wie ein Popstar gefeiert. Egal ob er sich in den plüschigen Salons der Adeligen an den Flügel setzt oder es ihn in den eher verrufenen Kaschemmen der Stadt ans Klavier zieht: Immerzu ist das Publikum von den Kompositionen des Tastentausendsassas schwer begeistert. Und der Sohn eines französischen Vaters und einer polnischen Mutter führt ein Leben wie im Rausch, indem er die Töchter der Wohlstandsbürger unterrichtet, Konzerte gibt, komponiert, mit dem Musikerkollegen Franz Liszt (Meutelet) gemeinsam für jeden Spaß bereitsteht. Dabei macht ihm seine Tuberkulose-Erkrankung immer öfter zu schaffen, fällt es dem Salonlöwen im Grunde längst schwer, die Fassade des ewig gutgelaunten Entertainers weiter aufrechtzuerhalten. In seinen Kompositionen offenbart Chopin seine dunkle Seite, gibt er sich poetisch schwermütig. Dass sich der Erkrankte auf eine leidenschaftliche Affäre mit der scharfzüngigen Schriftstellerin George Sand (La Baume) einlässt, wirkt ein Weilchen beflügelnd und inspirierend. Doch je schwächer Chopins Körper wird, desto kühner fallen seine Nocturnes und Sonaten aus, in denen er Sehnsucht, Stolz, Verletzlichkeit und künstlerische Freiheit thematisiert. Der polnische Regisseur Michal Kwiecinski kleidet die Lebensgeschichte eines der größten musikalischen Genies aller Zeiten in üppige Bilder und stattet die filmische Bio mit einer geradezu magischen Atmosphäre voller Leichtigkeit aus, die bisweilen effektiv melancholisch gebrochen wird. Die französische Hauptstadt, das Zentrum des Geschehens von „Chopin – Eine Sonate in Paris“, gleicht in den 1830ern einem multikulturellen Moloch, in dessen Ausgehvierteln sich die Gegensätze zwischen Arm und Reich ebenso krass beobachten lassen wie das geradezu manische Bedürfnis aller Klassen und Schichten nach fortwährender Ablenkung. So sehr sich Eryk Kulms unverbesserlicher Bonvivant Chopin gegen die kräftezehrende Krankheit wehrt, seinen Humor und seine Lebensfreude bewahrt er sich bis zum Schluss. Beeindruckend! D: Eryk Kulm, Joséphine de La Baume, Victor Meutelet, Lambert Wilson, Theo Grundmann Brechet.
Die andere Seite
Deutschland/ Österreich ´26; R: Mariko Minoguchi. Ab 22.10. Wertung: ****
Die Menschheit ist einmal mehr von einer Pandemie heimgesucht worden. Da es kein wirksames Medikament gegen die todbringende Viruserkrankung gibt, hat sich die Ärztin Hanna (Hoss) beim Versorgen von Patienten zunächst ebenfalls infiziert, um dann auch noch ihre Familienangehörigen zuhause anzustecken. Nach deren Tod beschließt die überlebende Ärztin, ihrer eigenen anstehenden Überweisung in ein Internierungslager zuvor zu kommen. Das Sterberisiko in den landesweit betriebenen Massenunterkünften ist riesig, weshalb sich Hanna gen Alpen absetzt. In der Einsamkeit der Berge überlebt sie eine Zeitlang mehr schlecht als recht – bis die Begegnung mit einer hochschwangeren Infizierten (Sanusi) den Entschluss in ihr reifen lässt, sich gemeinsam in Richtung Süden durchschlagen zu wollen. Die Hoffnung ist groß, dort in der Wärme und in Freiheit bessere Überlebenschancen vorzufinden. Pandemie, Ausgrenzung, Flucht – Regisseurin und Drehbuchautorin Mariko Minoguchi hat einige der brisantesten Themen unserer Zeit aus der vermeintlichen Distanz in die unbequeme Nähe umgelagert. Ohne zu Beginn ihres Films auf den Ausbruch der Pandemie und die Flucht ihrer Hauptdarstellerin gen Alpen einzugehen, setzt „Die andere Seite“ gleich mit dem Überlebenskampf von Nina Hoss´ Hanna in den Bergen ein. Man leidet unweigerlich mit der ausgegrenzten Ärztin mit, deren Lebensentwurf pandemie-bedingt komplett in die Tonne getreten wurde. Während einem in Rückblenden das eine oder andere Vorkommnis des Survival-Dramas nachträglich erläutert wird, beschäftigt uns zusehends mehr die Frage: Was, wenn Not, Vertreibung und Flucht doch nicht immer nur den anderen passiert? Mehr Menschlichkeit wäre eine Möglichkeit. D: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch, Mohamed Achour, Johannes Nussbaum, Therese Affolter.
Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf
Deutschland ´26; R: Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel. Ab 22.10. Wertung: ***** Bild: Mindjazz Pictures
Bis zu seinem Tod im Mai 2026 war Albrecht Weinberg der letzte lebende Jude Ostfrieslands, der über seine Erlebnisse in diversen Konzentrationslagern und auf Todesmärschen als Zeitzeuge unermüdlich Auskunft geben wollte – und konnte. Nachdem Hitlers Schergen bis kurz vor Kriegsende einen Großteil der Weinberg´schen Familie ins Gas schicken mochten, ergab sich für den am 7. März 1925 im ostfriesischen Rauderfehn auf die Welt gekommenen KZ-Überlebenden Albrecht und dessen ebenfalls dem Holocaust entkommener jüngeren Schwester Friedel die einmalige Chance gen USA emigrieren zu dürfen. Nie hatten die Geschwister geplant, aus New York ins Land der Täter zurückzukehren – bis Friedel einen Schlaganfall erlitt, und man sich in der einstigen Heimat eine bessere Behandlung erhoffte. In Ostfriesland nahm ein Heim anno 2012 die beiden Weinbergs auf, umsorgte die Deutsche Gerda Dänekas dort zunächst Albrechts Schwester, um nach deren Tod zur Vertrauten und zur WG-Lebensgefährtin für den 87-Jährigen zu werden. Eisern dazu entschlossen, dem Kampf gegen das Vergessen die Stirn zu bieten, trat der geistig und körperlich fitte Holocaust-Überlebende bis zuletzt öffentlich auf, nahm Weinberg an Gedenktagen in ehemaligen KZs teil oder sprach er mit Schülern. Zudem willigte der Bundesverdienstkreuzträger in ein Langzeit-Portrait des Doku-Filmerduos Balci/Denzel ein, deren Bio den Schwerpunkt auf Albrecht Weinbergs letzte Lebensjahre legt. Es wird deutlich, dass dem im Alter von 101 Jahren verstorbenen Hochbetagten der Glauben an die Menschheit nie ganz verloren ging, obwohl es sich ihm zeitlebens unerklärlich bleiben sollte, warum seine jüdische Familie allein wegen ihres Glaubens von den Nazis verfolgt und ermordet wurde. Umso schrecklicher muss es ihn dann getroffen haben, dass er im Fernsehen auch noch die ersten Berichte über die unfassbaren Hamas-Massaker des 7. Oktobers in Israel miterleben musste – und von Lebensgefährtin Dänekas für gut eine Woche lang nicht zum aus dem Bett aufstehen zu bewegen war. Diese Metzeleien kamen für den gleichsam am Boden zerstörten einem zweiten Holocaust gleich. Und doch hat sich Albrecht Weinberg nach diesen Horrortagen wieder aufgerappelt, um von dem zu erzählen, was ihm widerfahren ist. Wieder und immer wieder – bis ins Frühjahr 2026 hinein. Kinopflichtprogramm für jung und alt. Doku
Other Mommy
USA ´26; R: Rob Savage. Ab 29.10. Vorankündigung Bild: Universal Studios
Die kleine Bela (Clarke) macht sich längst nichts mehr draus, dass ihre Eltern oft anderweitig beschäftigt tun. Denn in ihrem Schrank hat sie jemanden entdeckt, die ihrer Mutter Ursula (Chastain in einer Doppelrolle) aufs Haar gleicht – und gern als „Other Mommy“ mit der Achtjährigen spielt. Belas Eltern ahnen von dieser „anderen Mami“ zunächst nichts. Mutter Ursula ist berufstätig und Vater Russell (Duplass), genannt Daddo, zieht sich in seiner Rolle als Hausmann gerne mal zuhause auf ein Nickerchen ins Büro zurück. Als er bei einem durch Other Mommy ausgelösten Zwischenfall in der Küche den seiner Gattin gleichenden Geist in einer absurden Verrenkung unterm Küchentisch wahrnimmt, kracht Daddo vor Schreck rückwärts durch die Glastür der Terrasse. Bald darauf wird Onkel Frank (Moayed), der eine Affäre mit Belas Mom Ursula hat, auf Wunsch der Achtjährigen an Other Mommy ins Jenseits befördert. Und die von Mom Ursula angeheuerte Truppe des Geisterjägers Lois Anthony (Lachman) wird mit der übernatürlichen Erscheinung erst recht nicht fertig. Da ist guter Rat teuer… Filmadaption des 2024er Romans „Incidents around the House“ des Schriftstellers Josh Malerman, der jetzt mit Hollywoodstar Jessica Chastain in einer Doppelrolle vom Horrorgenre-Experten Rob Savage verfilmt wurde. D: Arabella Olivia Clarke, Jessica Chastain, Jay Duplass, Arian Moayed, Dichen Lachman.
Die Blutgräfin
Österreich/ Luxemburg/ Deutschland ´26; R: Ulrike Ottinger. Ab 29.10. Wertung: *** Bild: Neue Visionen
Nach einem Vierteljahrhundert im Moskauer Mausoleum kehrt die Vampirin Erzsébet Báthony (Huppert), besser bekannt als die Blutgräfin, ins Wien der Gegenwart zurück. Hier will sie sich zum einen endlich mal wieder a bisserl roten Lebenssaft gönnen, und unbedingt ein geheimnisvolles Buch in ihren Besitz bringen, das untoten Lesern höchst gefährlich werden könnte. Da allen Vampiren, denen bei der Lektüre des Wälzers die Tränen kommen, unweigerlich die Rückverwandlung in einen normalen Sterblichen droht, gilt es, dieses Konvolut unter allen Umständen zu beschaffen und zu vernichten. Die Báthony bindet ihren Neffen, den Barons Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Schubert) in die Suche nach dem magischen Buch ein. Nun ist dieser Verwandte zwar schon seit Längerem drauf aus, seinen Alltag als vegetarischer Vampir zu meistern, und er wird darin von seinem Psychotherapeuten Theobald Tandem (Eidinger) unterstützt. Auch so gesehen kann Rudi Bubi Tantchens Vorhaben eigentlich nur wenig abgewinnen. Andererseits duldet die Blutgräfin keinerlei Widerspruch. Ihr zur Seite steht Erzsébets treue Zofe Hermine (Minichmayr) – und nachdem man in Wien nicht fündig wird, weitet der Báthony-Clan die Suchaktion nach dem Buch bis ins Böhmische hinüber aus. Stets an ihren Fersen kleben Inspektor Unglaube (Markovics) sowie das schusselige Vampirologen-Duo Theobastus „Basti“ Bombastus (Jung) und Nepomuk „Netti“ Nachbiss (Lorenzini). In Ulrike Ottingers Vampirgroteske dient das zumeist nächtliche Wien als imposante Kulisse für ein beeindruckend zusammengesuchtes Ensemble um Grande Dame Isabelle Huppert. Doch statt Horror gibt es Dialog-Blödeleien aus der Feder der leibhaftigen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die ins Drehbuchschreiben involviert war. Da die Albernheiten aber zu selten zünden, ist der Kostüm- und Sightseeing-Schmarrn mit fast zwei Stunden definitiv zu lang. D: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung, Marco Lorenzini, Karl Markovics, Conchita Wurst.
Glaube
Spanien/ Frankreich ´25; R: Alauda Ruiz de Azúa. Ab 29.10. Wertung: **** Bild: Le pacte
Ainara (Soroa) wird bald 18, besucht eine katholische Schule in der baskischen Großstadt Bilbao, und steht kurz vor dem Abitur. Während man in ihrer gutbürgerlichen Familie fest damit rechnet, dass sich das hochbegabte Mädchen nach der Zeugnisvergabe fürs Studieren im Ausland entscheiden mag, ist die allgemeine Verblüffung riesig, als die Teenagerin anmerkt, in ein Kloster eintreten zu wollen. Vater Iñaki (Garcés) versteht die Beweggründe seiner Tochter kein bisschen, mischt sich aber wie üblich nicht weiter ein. Tante Maite (López Arnaiz) hingegen versucht, Einfluss auf ihre Nichte zu nehmen. Doch Argumente prallen an dem Mädchen ab, das still bleibt, anstatt sich zu erklären. Also verdächtigt Ainaras Tante zusehends mehr die Schule und insbesondere den jungen Pater Txema (Sainz), die Entscheidung der Schülerin maßgeblich beeinflusst zu haben. Zwischen der diskussionsfreudigen Maite und ihrer schweigenden Nichte, die sämtliche Überzeugungsversuche der Verwandten abblockt, verlegt sich die baskische Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa aufs Dokumentieren dessen, was die eine nicht verstehen will, während die andere es nicht erklären mag. Es beginnt ein Kampf um die Deutungshoheit über das Leben der 17-Jährigen – glaubwürdig vor allem aufgrund der überzeugenden Leistung von Blanca Soroas Ainara-Verkörperung ausgeleuchtet. „Glaube“ wurde im letzten Herbst beim Filmfestival von San Sebastian als bester Spielfilm ausgezeichnet. D: Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz, Miguel Garcés, Victor Sainz, Juan Minujin, Mabel Rivera, Nagore Aranburu.
















