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My Life is a Boogie21.10.2026



Interview: Olaf Neumann Foto: Jim Rakete


MoX: Als Sie etwa 15 waren, kamen die Beatles nach Hamburg. Hat Sie das geprägt?
Inga Rumpf: Ja. Ich hatte die Beatles schon vorher im Radio gehört – „She Loves You, Yeah, Yeah, Yeah“. Für ihre Konzerte war ich allerdings noch zu jung. Aber ich wünschte mir eine Gitarre und bekam sie mit zwölf. Damit begann eigentlich mein richtiges Leben. Die Beatles, Elvis Presley und später auch die Rolling Stones haben mich natürlich geprägt. Ab 1965 gingen wir regelmäßig in den Star-Club oder den Top Ten Club und hörten die Soulbands, die dort spielten. Vorher bin ich kaum ausgegangen. Mit den City Preachers standen wir dort später selbst auf der Bühne – das muss 1967 gewesen sein. Da war ich 21.
MoX: Sie wurden schnell zum Aushängeschild der City Preachers, der ersten deutschen Folkrockband.
Rumpf: Ja. Zusammen mit John O’Brien-Docker sang ich ein Duett. Wir interpretierten „Bonnie und Clyde“ auf Deutsch und traten damit häufig im Fernsehen auf. Dadurch rückte ich stärker in den Fokus der Medien. In Hamburg waren wir zum Beispiel regelmäßig in der „Aktuellen Schaubude“ zu Gast.
MoX: Udo Lindenberg trommelte zeitweise bei den City Preachers. War die Band für Sie beide das Sprungbrett?
Rumpf: Nicht nur für uns, sondern für viele. Jean-Jacques Kravetz war dabei, der Organist aus Paris, der später ebenfalls bei Frumpy spielte. Udo war eigentlich Jazz-Schlagzeuger im Hamburger Jazzhaus, bis wir ihn engagierten. Irgendwann gab es persönliche Differenzen, Machtkämpfe und unterschiedliche musikalische Vorstellungen. Jeder wollte seinen eigenen Stil entwickeln. Daraus entstand schließlich Frumpy. Damals gab es unendlich viele Möglichkeiten – jeder suchte seinen eigenen Weg.
MoX: Mit Frumpy ging es 1969 los?
Rumpf: Genau. 1970 begann unsere große Festivalzeit. Wir tourten quer durch Deutschland und spielten in Gasthöfen, Tanzsälen und überall dort, wo sich junge Leute trafen. Viele Dorfgaststätten öffneten damals ihre Säle für Konzerte. Unsere Musik war neu, progressiv und lebte von langen Improvisationen. Das begeisterte das Publikum und verschaffte Frumpy schließlich Kultstatus.
MoX: Vielleicht auch, weil mit Ihnen eine Frau an der Spitze einer Rockband stand? Die meisten Bands waren damals ausschließlich männlich besetzt.
Rumpf: Das weiß ich gar nicht. Zunächst war ich als Frau gar nicht so eindeutig erkennbar. Ich war eher androgyn, trug Jeans, Unterhemd und lange Haare wie die Jungs und hatte eine recht tiefe Stimme. Viele merkten erst auf den zweiten Blick: Ach, das ist ja eine Frau. Deshalb glaube ich nicht, dass allein mein Geschlecht den besonderen Reiz der Band ausgemacht hat.
MoX: In Ihrer Autobiografie „Darf ich was vorsingen?“ schreiben Sie, dass bei Ihren Konzerten häufig Hallen gestürmt wurden, weil viele keinen Eintritt zahlen wollten. War das damals üblich?
Rumpf: Ja. Viele dachten: Warum soll man überhaupt für Musik bezahlen? Da wurden Hallen gestürmt, Ordner überrannt – sofern es überhaupt welche gab – und manche Veranstalter verschwanden am Ende sogar mit der Kasse. Es kam vor, dass wir nach einem anstrengenden Konzert nur mit einem Schuldschein nach Hause fuhren. Hotels konnten wir uns oft ebenfalls nicht leisten. Es war eine wilde Zeit. Heute reisen Bands im komfortablen Nightliner. Wir waren schon froh, wenn unser Ford Transit die Kasseler Berge schaffte.
MoX: War das Stürmen von Konzerten ein rein deutsches Phänomen?
Rumpf: Nein, aber hier war die Gesellschaft damals besonders rebellisch und diskussionsfreudig. Vor allem an den Universitäten. Ich erinnere mich an ein Konzert an der Freien Universität Berlin. Der Saal wurde gestürmt, das Konzert musste abgesagt werden. Viele wollten lieber diskutieren als Musik hören.
MoX: Sie sind sogar im legendären Speakeasy in London aufgetreten. Eric Clapton, Jeff Beck und Pete Townshend saßen im Publikum. War das ein Schlüsselmoment?
Rumpf: Im Nachhinein wirkt das spektakulär. Damals standen die aber selbst noch am Anfang ihrer Karriere. Erst später wurden sie zu Superstars. Das war ähnlich wie im Hamburger Onkel Pö, wo Leute wie Otto Waalkes, Udo Lindenberg oder Olli Dittrich im Publikum saßen. Natürlich bewunderte man jemanden wie Eric Clapton. Aber sie kamen eben auch, um zu hören, was diese Krautrock-Bands aus Deutschland machten.
MoX: 1975 tourten Sie mit Atlantis durch die USA – als Vorgruppe von Aerosmith und Lynyrd Skynyrd. Wie bereitet man sich auf ein Publikum vor, das eigentlich Steven Tyler und Ronnie Van Zant sehen will?
Rumpf: Wir hatten mit Atlantis damals schon zwei, drei Jahre in Deutschland gespielt und mehrere Alben aufgenommen. Nach einer Produktion im Studio von Dieter Dierks in Köln kam ein amerikanischer Veranstalter vorbei, den unser Produzent eingeladen hatte. Er fand uns gut und meinte, wir würden auch beim amerikanischen Publikum funktionieren. So kamen wir in die USA. Das war ein riesiges Erlebnis. Einfach war es allerdings nicht. Wir mussten sogar einige Songs umstellen, weil die Amerikaner härteren Rock hören wollten. Ein paar unserer funkigen Stücke kamen nicht so gut an. Aber am Ende haben wir sie überzeugt. Bis heute kommt ein Fan aus New Hampshire zu unseren Konzerten.
MoX: Sind die Großkonzerte von damals mit den Shows von heute vergleichbar?
Rumpf: Eigentlich nicht. Heute wird viel mehr Bühnenshow geboten. Damals standen die Musik und die Band im Mittelpunkt. Die Konzerte waren zwar professionell organisiert, aber das Drumherum war viel schlichter. Es ging um die Musik – nicht um eine riesige Show.
MoX: Sie sind schon relativ früh in der DDR aufgetreten. Wie kam es dazu?
Rumpf: Das war 1977 im Rahmen einer vom Goethe-Institut organisierten Tour, ein Kulturaustausch. Man erzählte mir damals, dass unser Song „How the Gipsy was Born“ dort als Kassettenmitschnitt kursierte und unzählige Male kopiert wurde. Im Radio lief der Song meines Wissens nicht.
MoX: Wie haben Sie das DDR-Publikum erlebt?
Rumpf: Das war schwierig. Im Saal saßen vor allem Funktionäre. Die Menschen, die mich eigentlich sehen wollten, kamen oft gar nicht hinein. Ich erinnere mich an Rostock. Vor dem Bühneneingang warteten Fans auf mich. Dann kamen irgendwelche Stasi-Leute – oder wer auch immer das war – und vertrieben sie. Das war schon ziemlich abenteuerlich.
MoX: Sie haben bis heute Hunderte Songs geschrieben. Gibt es einen, bei dem Sie sagen würden: Das bin ich – ehrlicher als irgendwo sonst?
Rumpf: Ja. Das ist „My Life Is A Boogie“. Der Text drückt genau aus, wer ich bin. Ich bin ständig in Bewegung – und lasse mich bewegen. Ich bin offen für Neues und war mein ganzes Leben viel unterwegs. Heute ist das anders. Ich bin zur Ruhe gekommen, lebe auf dem Land und genieße die Stille. Das ist jetzt genau das Leben, das zu mir passt.

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