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Die Leute müssen auch mal Dampf ablassen16.12.2025
Interview: Olaf Neumann
MoX: [font=Bembo]Ihr letztes Studioalbum „The Green Machine“ ist entstanden in Zusammenarbeit mit Tote-Hosen-Produzent Jörg Umbreit in den Principal Studios bei Münster. Was sprach für diesen Producer?[/font][font=Bembo] [/font]
Ralf "Albi" Albers: Für das Studio an sich spricht schon mal, dass es sehr abgelegen ist in Nordrhein-Westfalen zwischen Kühen, Dörfern und Weiden. Man ist da ganz für sich und kann sich sehr gut auf die Arbeit konzentrieren. Und Jörg hat schon viele erfolgreiche Produktionen realisiert. Er weiß, worauf es ankommt und hat gute Ideen für die Arrangements der Songs, die uns nicht unbedingt in den Sinn kommen. Wir arbeiten schon seit Jahren fruchtbar zusammen.
MoX: Warum ist Irish Folk für Sie ein Genre, dass selbst nach 35 Jahren und 25 Alben noch nicht auserzählt ist?
Albers: Unser Stil ist schon ein bisschen härter als klassischer Irish Folk. Es gibt bei vielen Leuten eine große Sehnsucht nach Irland. Diese Kultur hat etwas sehr Warmes. Wir versuchen immer, diese Stimmung ins Publikum hinein zu übertragen. Der ausschlaggebende Aspekt waren für mich The Pogues Ende der 1980er Jahre. Diese Band zeigte auf faszinierende Weise, dass man auch mit akustischen Instrumenten tanzbare Musik machen kann. Wir bedienen uns an dieser Tradition, um unsere eigenen Songs zu kreieren. Wir haben eine Geige, ein Akkordeon und eine Rockfraktion in der Band. Das bestimmt unseren Sound seit 35 Jahren.
MoX:Ihr Arbeitszimmer erinnert an eine Bibliothek. Lassen Sie sich beim Texten durch Literatur inspirieren?
Albers Ja. Unser Song „Ready for the Ball” ist inspiriert von Edgar Allen Poes "Die Maske des roten Todes". Darin zieht Prinz Prospero sich in Zeiten der Pest mit seinen Getreuen zurück und veranstaltet ein rauschendes Fest. Der schwarze Tod ereilt sie trotzdem alle. Ich wäre fast einmal Deutschlehrer geworden, aber Gott sei Dank blieb mir dieses Schicksal erspart.
MoX: Die Musikerkollegen von Dritte Wahl haben Sie gesanglich unterstützt, im Gegenzug sind Sie auch auf deren Album zu hören. Was zeichnet diese Künstlerfreundschaft aus?
Albers: Diese Begebenheit beruht auf einem Zufall. In den Principal Studios sind ja mehrere Aufnahmeräume vorhanden, und Dritte Wahl waren zufällig auch da. In dem Musikertrakt, wo alle wohnen und essen, trifft man sich zum Plaudern. Wir haben Chorstimmen gebraucht und Dritte Wahl auch, und so haben wir uns gegenseitig vor die Mikrofone gestellt. Das war keine große Sache. Wir begegnen uns auch immer wieder auf Festivals
MoX: Woher kommt Ihr Faible für Hafenkneipen, Matrosen und das Meer?
Albers: Vielleicht kommt es daher, dass ich schon seit über 20 Jahren nach La Gomera fahre und da für drei Wochen direkt am Meer wohne. Was eine ausgesprochen beruhigende Wirkung auf mich hat und tief in mein Brustbein eingedrungen ist.
MoX: Wie die Matrosen bereisen Sie regelmäßig die Welt und sind bereits auf großen Festivals wie Sweden Rock, Wacken Open Air oder dem Montreux Jazz Festival aufgetreten. Was ist das für ein Gefühl, auf der Bühne alles im Griff zu haben?
Albers: Ein tolles Gefühl. Unsere Crew ist teilweise schon seit Jahrzehnten mit uns unterwegs. Wir können uns auf alle verlassen und uns ganz in die Musik hineinwerfen. Das ist nach wie vor faszinierend, und ich werde nicht müde, es zu tun. Vor zwei Jahren sind wir erstmals auf dem Festival Poland Rock aufgetreten, vor mehreren zehntausend Leuten. Totale Stimmung! Es war faszinierend.
MoX: Sie sind auch in Wacken schon dabei gewesen. Ist das wirklich ein Ausnahmefestival?
Albers: Ich finde, ja. Wir sind jetzt vier- oder fünf Mal dabei gewesen. Die Ausmaße sind gigantisch. Es ist immer etwas Besonderes, dort zu spielen. Und auch als Gast vor den Hauptbühnen zu stehen ist faszinierend.
MoX: Auf Festivals trifft man ja hauptsächlich auf ein jüngeres Publikum. Wie finden Sie das?
Albers: Das ist ganz wichtig für uns. Es ist essenziell. Natürlich altert unser Publikum mit uns, aber es kommen auch viele neue, junge Menschen dazu. Die haben natürlich eine ganz andere Energie. Das Energielevel ist ungebrochen bei unseren Konzerten. Das finde ich super.
MoX: Wie sind Sie in der Regel unterwegs?
Albers: Kommt drauf an. Wenn wir mit dem Nightliner reisen, fahren wir immer über Nacht gemeinsam zum nächsten Auftrittsort. Entweder geht man nach einem Gig gleich schlafen oder setzt sich noch im Bus zusammen. Das kann dann auch schon mal fünf Uhr werden. Diese Fahrten im Nightliner sind sehr wichtig für das Gemeinschaftsgefühl. Die Kühlschränke sind immer gut gefüllt. Aber ich brauche schon meinen Schlaf, Sänger sind ja sehr empfindlich, weswegen sie auch gern mal belächelt werden. Aber damit muss man leben.
MoX: Üben Sie mit dem Song „I Need A Volunteer“ irgendwie Kritik an der Gesellschaft?
Albers: Eigentlich nicht. Ich arbeite gerne Ideen von anderen auf. In dem Fall war es Frank, der mit der ersten Strophe ankam: „Meine Taschen sind voller Geld und ich schmeiß das nur in der Gegend rum“. Und mit diesem Bild habe ich gearbeitet und kam dann auf einen Zauberer, der einen Freiwilligen aus dem Publikum auf die Bühne holt, von dem er weiß, dass dessen Leben ganz schlimm ist. Also lässt er ihn verschwinden und erlöst ihn damit von seinen Problemen. Der Zauberer begreift das als Akt der Liebe.
MoX: Wie denken Sie über die heutige Gesellschaft?
Albers: Ich finde, es ist nicht selbstverständlich, in einer Demokratie aufzuwachsen. Aber für viele scheint es selbstverständlich zu sein, dass man sich hier mehr oder weniger entfalten kann, wie man möchte. Manche haben einen verstellten Blick, was hier angeblich alles nicht geht. Man muss aber nur mal einen Blick in andere Länder werfen. Demokratie ist für mich nicht selbstverständlich und ein großes Privileg. Vor zehn Jahren habe ich über die Piraten Partei noch gelacht, und die AfD war am Anfang ähnlich. Inzwischen ist mir schon unbehaglich. Mal sehen, wie es weitergeht.
MoX: Was ist die Aufgabe eines Künstlers?
Albers: Ein Moment der Entlastung ist schon wichtig. Die Leute müssen auch mal Dampf ablassen können. Es muss einen Raum geben, wo alle ungeachtet ihrer Herkunft zusammen eine gute Zeit haben können. Das scheint nach Ansicht vieler nicht mehr so selbstverständlich zu sein. Gerade auch von rechter Seite. Wenn man das jetzt mal weiter denkt und wir hätten wirklich eine rechte Regierung, würden doch viele Künstler nicht mehr spielen dürfen. Wenn ich das auf mich persönlich beziehe, weiß ich gar nicht, wie weit dieses völkische Denken geht. Ich vermute, ein Eingriff in das Kulturgut ist dann auch vorgesehen. Ich stelle mir vor, dass es bei dieser Ideologie nur noch deutsche Musik gibt. Dann ist es vorbei.
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