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Was die großen Städte können...05.11.2025



Interview & Foto: Thea Drexhage

MoX: Marco, du warst selbst lange Musiker und DJ im Limit. Jetzt bist du auf der anderen Seite der Veranstaltungen. Wie kam’s dazu?
Marco Hanneken: Das hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Ich habe schon mit 14 mein erstes Konzert in einer Jugendgruppe in Rhauderfehn mitorganisiert – das muss so 1991/92 ein „Rock gegen Rechts“ gewesen sein. Danach war ich viele Jahre in vielen Bands aktiv und wir waren national und auch international auf Tour. Im Jahr 2008 habe ich dann in Hamburg meine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann gemacht – und arbeitete als Booker und Tourmanager für die inklusive Band Station 17. Gleichzeitig habe ich 25 Jahre in der Diskothek Limit als DJ und Veranstalter von einigen kleineren Konzerten gearbeitet. So habe ich über die Zeit Einblicke in alle Ecken und Winkel der Branche aus allen möglichen Perspektiven bekommen. Als Daniel van Lengen mich dann im März 2021 (mitten in der Pandemie) anrief und mir von den Möglichkeiten durch Neustart Kultur erzählte und fragte, ob ich mich um das Booking kümmern möchte, hatte ich natürlich Bock und hab sofort losgelegt – meine Jobs waren ja zu dem Zeitpunkt schon seit etwa einem Jahr „auf Eis gelegt“. Daniel hat mich wie gesagt Mitte März 2021 angerufen und ich bin zum 1.4. angestellt worden. Schon am 31.3. hatte ich fast das komplette Programm für 2021 gebucht. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Festivals abgesagt worden und ich habe einfach die Agenturen und Bands angeschrieben. Durch meine Kontakte aus der Vergangenheit war ich dann plötzlich mittendrin.
MoX: Was bedeutet das Zollhaus als kulturelle Begegnungsstätte abseits der Metropolen für dich?
Marco: Ich habe das Gefühl, das Zollhaus ist lange Zeit vergessen worden bzw. es konnte sich wegen fehlender Mittel nicht um ein qualitatives Programm/Booking gekümmert werden. In den 90ern hat Knut vom Jugendzentrum hier ganz viel gemacht. Mein erstes Konzert hier war 1995 Fettes Brot, dann die Beginner, Napalm Death, die Beatsteaks usw. Große Namen, die alle schon im Zollhaus waren, die Tür war also schon offen, aber das ist dann in den 2000ern stark eingebrochen. So ist das Zollhaus immer mehr zu einer Disco geworden, klar gab es zwischendrin immer mal wieder Konzerte, aber das waren dann immer Vermietungen an Fremdveranstalter. Seitdem ich hier bin und wir uns als Team wieder gefunden haben, sieht man glaube ich einen Wechsel und ich finde es wichtig, die Kultur auch hier nach Ostfriesland zu holen, um den Menschen hier vor Ort eine Möglichkeit zu geben, hochwertige und namhafte Kultur genießen zu können. Das begreife ich als meinen Auftrag und zusätzlich liebe ich einfach dieses Haus und sehe noch sehr viel Entwicklungspotential. Ich laufe hier immer noch durch und denke: „krass, wenn das einer das meinen Eltern erzählt hätte, dass ich hier irgendwann ‘nen Schlüssel hab“ (lacht).
MoX:Und wie schaffst du es jetzt, wo die Tourpläne wieder voll sind, die Künstler*innen zu überzeugen, den Umweg nach Leer zu fahren?
Marco: Ich glaube durch meine leidenschaftliche Art und meine Ansprache. Ich überlege mir auch für jede Bookinganfrage etwas anderes, da gibt es kein Copy & Paste. Natürlich haben uns ein paar Zufälle auch geholfen, das Zollhaus wieder „auf die Karte“ zu bekommen: Mit den ersten beiden Neustart Kultur Förderperioden konnten wir richtig krasse Bands nach Leer holen; z.B. Thees Uhlmann, die Leoniden, das Lumpenpack, ... und ganz viel ausprobieren – ohne dabei ein finanzielles Risiko eingehen zu müssen. Dann natürlich Olli Schulz, der uns mehrfach in Fest & Flauschig erwähnt und auf so ein Podest gestellt - das kriegen dann auch andere Bands, Künstler*innen und Agenturen mit.
Ich hatte aber in den Jahren 2021-2024 auch das Gefühl, dass ich richtig hart arbeiten und Agenturen  richtig auf die Nerven gehen und ganz viel Überzeugungsarbeit leisten muss. Das ist natürlich auch großteils immer noch so, aber seit Ende letzten Jahres hat sich das ein bisschen gewandelt und nun bekomme auch ich Anfragen. Es spricht sich rum. Für viele international tourenden Bands, ist Leer z.B. super, weil sie von hier aus nach Holland weiterkönnen, aber für die deutschen Bands ist es tatsächlich ein Umweg, den sie aber mittlerweile gern in Kauf nehmen, weil sie sich hier wohlfühlen. Da spielt mir wieder in die Karten, dass ich auch auf der anderen Seite war. Ich habe gesehen, mit welchem Gefühl man auf die Bühne geht, wenn sich die Veranstalter und die Venue Mühe geben und sich um einen kümmern – das ist ja auf Tour auch eine Art „Heimat“ für einen Tag.
MoX: Mit Neustart Kultur waren natürlich viele Gelder da, dazu die leeren Tourpläne. Das ist ja heute anders. Wo liegen die neuen Herausforderungen?
Marco: Ich glaube, die größte Herausforderung ist, auch kleinen und mittelgroßen Künstler*innen und Bands eine Bühne zu geben und in den Menschen wieder die Lust zu wecken, Neues zu entdecken. Die größeren Künstler*innen und Bands funktionieren natürlich und bei uns funktioniert generell gerade vieles gut, sodass wir im Vergleich zu anderen wenig absagen mussten, aber ich bin auch so sozialisiert, dass ich es geiler finde, kleine Bands zu entdecken, bevor diese irgendwann zu groß für das Zollhaus werden. Und natürlich ist auch alles teurer geworden und ich verstehe auch, dass man sich nicht jedes Konzert leisten kann, deshalb versuchen wir gerade, so eine Art Soli-Ticketfond zu initiieren, damit auch Menschen, die nicht das Geld haben, quasi ein Ticket geschenkt bekommen von anderen, die bei ihrem Ticketkauf Gelder dafür spenden. Auch lokaleren Bands wieder eine Bühne zu bieten, ist mir wichtig, das geht aber auch nur mit Fördermitteln und Sponsoren, wenn man auch diese fair bezahlen will.
MoX: Wie sieht es denn derzeit mit Fördermitteln für Kultur im Zollhaus aus?
Marco: Wir sind ganz stark auf Fördermittel angewiesen, die Fördermittel von Stadt und Landkreis sind für den Umfang unserer Tätigkeiten im Bereich Soziokultur allerdings überschaubar und so müssen wir immer wieder die Augen nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten unserer Projekte offenhalten – Sponsoren suchen, Crowdfunding initiieren und natürlich Förderanträge schreiben, an Stiftungen, an die Initiative Musik, den Landesverband Soziokultur, an die Ostfriesische Landschaft, etc. Das ist viel Arbeit für ein so kleines Team wie unseres. Dazu kommt u.a., dass wir außer der Lichtanlage keine eigene Technik im Saal haben, diese mieten wir immer dazu und so haben wir natürlich immer schon vor dem Konzert hohe Ausgaben. Ohne Fördermittel können wir uns das einfach nicht leisten – und hier den passenden Fördertopf zu finden ist nicht so einfach. Dieser Umstand bedeutet aber auch, dass wir als gemeinnütziger Verein auf die Unterstützung unserer Mitglieder angewiesen sind. Während der Coronazeit konnten wir unsere Mitgliederzahl von etwa 200 auf 530 erhöhen und seit etwa zwei Jahren haben wir nun auch ganz viele aktive Mitglieder, die selbst Projekte auf die Beine stellen. Ohne die Unterstützung dieser tollen Menschen wäre das alles gar nicht möglich und dafür sind wir sehr dankbar.
MoX: „Kein Platz für Homophobie, Faschismus, Sexismus, Rassismus & Hass“ - Ihr habt jüngst auch Merch mit klarer Botschaft veröffentlicht. Wie war die Reaktion darauf?

Marco: Soweit ich das mitbekomme, gab es darauf ausschließlich positive Reaktionen, aber man befindet sich ja auch immer in seiner sogenannten „Bubble“. Es gibt bestimmt auch jede Menge Menschen, die das scheiße finden. Aber ich bin der Meinung, dass gerade wir als soziokulturelles Zentrum, die Aufgabe und die Pflicht haben, uns zu positionieren – es ist ja unsere Aufgabe Menschen egal welchen Hintergrundes zusammenzubringen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen.

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