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Angebot oder Mangel?10.09.2025
Text und Foto: Nele Theus
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Ein Problem etwa ist der Mangel an kulturellen Bildungsmöglichkeiten im ländlichen Raum. Alles scheint dagegen zu sprechen, im ländlichen Raum Kulturangebote zu schaffen. Von der geringen Bevölkerungsdichte, also wenigen Kunden, über eine mangelhafte Verkehrsinfrastruktur bis hin zu laut dem Kulturfinanzbericht 2022 weniger hohen pro-Kopf-Förderungen durch kleinere Gemeinden. Trotzdem wagen es immer wieder engagierte, zuversichtliche Menschen, in ländlichen Regionen Einrichtungen zu etablieren. Häufig dann, wenn sie in den Gebieten selbst aufgewachsen sind und den Mangel so ebenfalls erlebt haben, gepaart mit einer Leidenschaft für ihre Idee.
Das „TABULA MAGICA Cultur im Centrum“, wie es auf dem Eingangsschild steht, stellt sich als kleines aber feines Kulturzentrum vor und hat schon einiges an Verwandlung hinter sich. 2006 unter dem Namen „TABULA MAGICA. Spiele die verzaubern“ als Fachgeschäft für Brett- und Kartenspiele von Sigrid Busch und Jörg Spanjer gegründet, zogen die beiden 2010 mit ihrem Geschäft innerhalb Varels um, sodass am neuen Standort in den größeren Räumen zusätzlich eigene Spieleabende und kleine Meisterschaften stattfinden konnten. Andauernd auf äußere Umstände reagierend, wie beispielsweise auf sich veränderndes Kaufverhalten, wurden die Räumlichkeiten ab 2019 auch für Kunstausstellungen und kleine Live-Konzerte genutzt. 2023, nach Corona, wurde der Fokus vollständig auf Kultur umgestellt, weg vom ursprünglichen Thema Spiele. Die in der Nähe wohnenden Inhaber, die den Betrieb neben ihren freiberuflichen Tätigkeiten zu zweit am Laufen halten, wissen, dass sich ihr ursprüngliches Konzept nicht so lange gehalten hätte. Ihre Flexibilität und die Fähigkeit,
freundschaftliche Kundenbindung zu schaffen. Damit bietet das Tabula Magica etwas, was Onlineverkäufer nicht können. Noch heute mit deutlich verändertem Angebot sorgt dieses Alleinstellungsmerkmal dafür, dass Menschen, die eigentlich regelmäßig für den Urlaub an die Nordsee fahren, auch den Tagesausflug nach Varel zu dem kleinen Kulturzentrum einplanen. Die Nähe zur Nordsee macht den Sommer zu der Zeit mit den meisten Kunden, anders als beispielsweise das Tino das erlebt. Zuletzt gab es Aufführungen eines Sommer-Puppentheaters für Kinder. Aktuell finden Konzerte für zwischen 30 und 60 Personen aus den Genres Blues, Folk und Jazz statt und die Flure und Wände werden für Kunstausstellungen verschiedenster Art genutzt. Die Atmosphäre im Raum und die Nähe zwischen Künstlern und Publikum bei begrenzter Besucheranzahl mit lediglich 50 möglichen Sitzplätzen, gefallen beiden Seiten, und so kehren beide immer wieder zurück. Sigrid Busch hebt hervor, dass das „kleine aber feine Kulturzentrum“ Tabula Magica niederschwellig ist und so auch Menschen, eine solch herausfordernde, von außen bestimmte Entwicklung mitzugehen und kreativ voranzubringen, war die Rettung des kleinen Kulturzentrums. Eine große Hilfe dabei war die freundschaftliche, nahe Verbindung zu ihren Vermietern, die verständnisvoll und unterstützend mit den Umbrüchen mitgingen. In Krisenzeiten, in denen Sigrid Busch und Jörg Spanjer zweifelten, sogar davor standen aufzugeben, akzeptierten dies die Vermieter nicht einfach, sondern boten weitere Hilfe. In einer größeren Stadt wäre diese Nähe zum Vermieter wohl nicht entstanden. Die Mietpreise und entsprechend der Umsatzdruck wären deutlich höher und kaum haltbar gewesen. Zwar vermutet Jörg Spanjer, dass es beispielsweise in einer Universitätsstadt eine deutlich größere Spieleszene gegeben hätte, doch die Fluktuation von Leuten hätte es auch erschwert, eine breitere Stammkundschaft aufzubauen. Ohne den extremen Geschäftsdruck war es den beiden möglich, Spielevorschläge wirklich auf die Käufer zuzuschneiden und so eine sozialere und gar die sonst wenig oder keinen Zugang zu Kultur haben, erreicht und integriert. Dazu finden auch Veranstaltungen auf Spendenbasis, wie beispielsweise Hutkonzerte, statt. Das Prinzip gehe auf. Bei den Konzerten sei das Publikum ein spezieller Menschenschlag aus der Umgebung von Varel, die dem „Sinus Milieus Postmaterielle“ zugeordnet werden könnten, so die Betreiberin. Der Altersdurchschnitt liegt bei über 55 Jahren. Besucheralter startet meist ab 45 Jahren, dabei hat auch die 80-jährige Person, der ein größeres Konzert zu viel wird, einen Platz in der offenen Runde. Facebook und ein E-Mail-Newsletter sind die einzigen ausgereiften Werbeträger der selbstständigen Kleinunternehmer. Auch unabhängig von der eigenen Kulturstätte wüssten viele Vareler gar nicht, welche Angebote es noch vor Ort gibt. Dabei befinden sich viele Kulturschaffende in der Region, die jedoch schlecht vernetzt sind und wenig wahrgenommen werden.
Demnächst soll das Tabula Magica als Verein anerkannt werden. Fördermittel für Kultur im ländlichen Raum würden dem betreibenden Paar ermöglichen, gemeinsam mit vernetzten Künstlern oder Akteuren neue Konzepte umzusetzen und weiterhin den finanziellen Fortbestand des Ladens zu sichern. Es werden kurzfristig mehr Lesungen und Aktivitäten angeboten, bei denen die Teilnehmer gemeinschaftlich etwas Kulturelles machen, eine Art Ideenschmiede mit einem Malkurs und mehr. Langfristige Ziele legen die beiden nicht fest, sie bezeichnen sich als „Wellenreiter“ und bleiben flexibel. Ein möglicher Förderer könnte die Stiftung Niedersachsen sein. Laut dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur ist „Kultur der Motor für gesellschaftliche Diskurse und stiftet Identität: Die Projekte bereichern die kulturellen Angebote in der Fläche und schaffen vor Ort Räume der Begegnung und kulturellen Teilhabe.“
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