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Hügel, voll von Blut02.04.2025
Text: Britta Lübbers Foto Sasha Andrusyk
Rückblickend, so schreibt die Autorin, erscheine ihr dieses Bild surreal, obwohl es alles vorwegnimmt, was kommen würde. Es sind aber nicht die blutigen Hügel, die Katja Petrowskaja in Georgien fotografiert. Sie beschreibt das Blut, sie zeigt es nicht. Das Foto, für das sie sich entscheidet, hält eine andere Szene fest: Ein schwarzes Schaf springt über einen Bach. Es ist ein eleganter Sprung, die Aufnahme ist – schön. Es gebe Tage, da müsse man das Schöne, das man sieht, für einen Vorrat nutzen, für später, für die Winterzeit, schreibt Petrowskaja im Anfangskapitel ihres neuen Buchs „Als wäre es vorbei“. Für ihre erste Heimat, die Ukraine, gewiss auch für sie selbst, ist seit Kriegsbeginn Winterzeit .
Das Unvorstellbare
Katja Petrowskaja wurde 1970 in Kiew geboren und lebt seit 1999 in Berlin. Sie studierte in Tartu, Stanford und Moskau Literaturwissenschaft und schreibt als Journalistin für deutsch- und russischsprachige Medien. Ihr 2014 erschienenes Literatur-Debüt „Vielleicht Esther“ wurde vielfach ausgezeichnet und in mehr als 30 Sprachen übersetzt. In „Als wäre es vorbei“ sind ihre Foto-Kolumnen versammelt, die zwischen Februar 2022 und Herbst 2024 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen sind. Die Zusammenstellung wirkt wie ein Tagebuch, eine Chronik vom Krieg. Am 29. April,19.30 Uhr, stellt Katja Petrowskaja „Als wäre es vorbei“ im Wilhelm 13 vor. Moderiert wird die vom Literaturhaus Oldenburg veranstaltete Lesung von der Oldenburger Slavistin Gun-Britt Kohler.
Anders als ihre Schriftstellerkollegin Natascha Wodin, die ebenfalls ukrainische und auch russische Wurzeln hat, hat Katja Petrowskaja von Kriegsbeginn an Position für die Ukraine bezogen. Und das tut sie auch im Buch. Seit 20 Jahren lebe sie in Berlin mit seiner wohltemperierten Erinnerungskultur, schreibt sie im Kapitel „Das Unvorstellbare“. Sie sei empört über die Appeasement-Politik, ihre halbgaren Maßnahmen und über die Demagogie der Linken, die die Schuld am Angriffskrieg dem Westen in die Schuhe schieben. „Tschetschenien, Georgien, Krim, Ostukraine, Syrien – die Eskalation der putinschen Kriegsverbrechen ist lupenreine Faktographie.“ Es sind die ersten Kriegstage, Petrowskaja plädiert für einen Luftschild und militärische Waffen aller Art. Zum Kapitel-Ende zitiert sie ihre alte Mutter, die bereits den Zweiten Weltkrieg durchleiden musste, als die Ukraine unter Hitler und Stalin gleichermaßen aufgerieben wurde. Die Mutter hockt in Kiew in einem Luftschutzkeller und fleht: „Katja, ich bitte dich, sag der Nato, sie muss unseren Himmel schließen.“ Der Luftraum wurde nicht gesperrt, das Sterben geht weiter – und wer nicht direkt betroffen ist, gewöhnt sich daran, das ist menschlich. Manchmal komme es ihr vor, als werde über den Ukraine-Krieg wie über ein Tischtennisspiel gesprochen, sagt Katja Petrowskaja.
Weiterleben
Und obwohl der Krieg allgegenwärtig ist in ihren Texten, sind die Texte voller Poesie und Zuneigung für jene, die noch da sind in diesem skelettierten Land. Da ist der traurige Junge in Cherson, in dessen Gesichtszügen Katja Petrowskaja nicht nur den Mann ahnen kann, sondern auch den Greis. Und da ist die Frau mit der Wollmütze, die aus ihrem Dorf evakuiert wird und nichts zu tun vermag, als zu weinen. Die Autorin zeigt keine Leichen und keine Trümmerberge. Sie erzählt von der Tierärztin, die einfach losgeht und kostenlos Tiere versorgt. Und sie zitiert die knappen Sätze, die nach Bombenangriffen auf Telegram, Twitter und Facebook kursieren: „Am Leben!“. „Vögel, Vögel, die singen!“. „Ich habe mich noch nie so über Sonnenlicht gefreut.“ ´Ihre Haltung zum Krieg bleibt. Es gehe Putin nur um Expansion und Machterhalt, sagt sie in einem Interview mit der Zeitschrift „Politik & Kultur“, im Namen des Antifaschismus habe er ein freies Land angegriffen. Die Menschen dort wollten nicht zu Sklaven seines Imperiums werden.
Für das letzte Kapitel hat Petrowskaja ein Foto von einer Hirsch-Skulptur ausgewählt, die – elegant und trotz ihrer Größe grazil – in der ukrainischen Stadt Pokrowsk steht. Der Hirsch wurde in Origami-Technik errichtet. In derselben Art also, in der einst das Mädchen Sadako in Hiroshima 1000 Kraniche faltete – eine Bitte an das Universum, weil sie nach dem Atombombenabwurf weiterleben wollte.
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