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„Unter 75% Auslastung kneift es arg“15.04.2026



Interview: Thea Drexhage


MoX: Der Vorverkauf läuft schleppend. Darüber hast du ein sehr offenes und transparentes Statement gepostet. Was hat dich dazu bewegt?
Rembert Stiewe: Das ist dem geschuldet, dass wir zu unserem Publikum eine sehr enge Bindung haben. Es war schon immer unsere Art, so transparent wie möglich zu agieren. Warum sollten wir nicht alle Karten offenlegen? Wir wollen zusammen Freude empfinden und dann kann man die Menschen auch mitnehmen, wenn man Zeiten wie jetzt durchmachen muss, in denen es für alle kleinen und mittelgroßen Festivals schwierig ist. Ich habe mich lange mit den Formulierungen schwergetan, denn ich wollte nicht jammern nach dem Motto: Schickt uns Geld! Wie groß die Unterstützung unserer Besucher*innen ist, haben wir während der Coronajahre bei Sondermerchverkäufen erlebt. Ich wollte, dass man in dem Post erkennt, dass es anderen schlechter geht, uns aber das Festival so wichtig ist, dass wir diese Entwicklung, die es ja nicht erst seit gestern gibt, nicht nur beobachten, sondern, dass wir da irgendwann auch eingreifen müssen. Es kamen einige, die uns Geld überweisen wollten, das nehmen wir nicht an. Wir wollten Awareness schaffen und die Zusammenhänge so unkompliziert wie möglich erklären. Deshalb habe ich auch diese Zahlen in den Raum geschmissen, was unsere interne Kalkulation angeht. Wir wollen nicht am Service sparen oder den Nachhaltigkeitsthemen, weil diese die Qualität unseres Festivals ausmachen. Wir wollen familienfreundlich bleiben und weiter ein spannendes Line-Up bieten. Aber alles zusammen bedeutet im Umkehrschluss, dass man am Ende an sich selbst spart und das ist auch ungesund, aber in dieser Branche leider nicht unüblich.
MoX: Wie waren die Reaktionen?
Stiewe: Nur positiv! Es ist fantastisch, wie viel Reichweite man mit so etwas bekommt. Auf uns sind Micro- Influencer und Podcasts zugekommen, ob sie das thematisieren dürfen. Wir haben bis zu 80.000 Leute erreicht, wovon viele Nicht-Follower waren. Das hatten wir so gar nicht erwartet. Auch andere Veranstaltende haben Kontakt zu uns aufgenommen und von ihren ähnlichen Erfahrungen berichtet. Und man rätselt natürlich, ob das nur an äußeren Gegebenheiten liegt, oder das Booking vielleicht doch nicht so spannend ist. Aber das wird uns anders gespiegelt. Was uns hingegen gezeigt wird ist, dass es ein psychologisches Problem ist. Bei Beginn des Vorverkaufs verkaufen alle eine Menge Tickets an die Stammkundschaft, vor Weihnachten geht dann noch ein bisschen und erfahrungsgemäß geht im Januar und Februar nichts. Im März geht es dann aber wieder los. Das bleibt in diesem Jahr aber bei allen aus, der März hat das Niveau von Januar und Februar gehalten.
MoX: Woran liegt das?
Stiewe: Da habe ich eine küchenpsychologische Theorie: Wenn da noch ein Krieg losgeht, der zum einen auf die eigene Stimmung drückt und dann auch noch konkrete Auswirkungen auf das monatliche Budget hat, dann spart man als erstes an Ausgaben, die nicht für das tägliche Überleben nötig sind. Dann kommen Seiteneffekte wie unser lieber Wolfram Weimer, der als erste Amtshandlung den Kulturpass für 18-Jährige eingestampft hat. Das ist zwar nur ein kleiner Teil, im letzten Jahr haben vielleicht 25 Leute mit dem Kulturpass bei uns bezahlt, die fallen aber auch weg. Da werden Zeichen gesetzt, dass an der Kultur gespart werden kann. Zwar ist das Budget des BKM größer geworden, aber das geht alles in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, da gibt es schon immer Verteilungskämpfe zwischen Hochkultur und Subkultur oder staatlicher und freier Kultur. Dinge wie der Festivalförderfonds sind astrein, aber gleichzeitig von Anträgen überzeichnet, dass vielleicht 130 von 500 beantragenden Festivals überhaupt eine Förderung bekommen bei einer Fördersumme von 4 Millionen Euro. Und gleichzeitig wird dann auch noch an Demokratieprojekten gespart – ich könnte da ewig weiterreden…
MoX: Was sind die Konsequenzen?
Stiewe: Da geben dann selbst etablierte Festivals einfach auf, wie das Maifeld Derby. Das ist vor 2 Jahren beim Eurosonic Festival in Groningen von allen wichtigen Europäischen Meinungsmachern aus der Branche zu Europas bestem kleinen Festival gewählt worden. Dann müssen sie aber zumachen, weil die Region da unten meint, dass Fördermittel woanders besser aufgehoben sind. Oder all die Festivals, die anders strukturiert und von Vereinen und Ehrenamtlichen organisiert werden: Da verbrennen sich dann die Leute mit ihrem Engagement. An diesem Punkt ist das OBS aber noch lange nicht, aber wehret den Anfängen.
MoX: Ihr seid ein kommerzielles Event, trotzdem ist Gemeinnützigkeit ein wichtiger Punkt. Wie vereint man das?
Stiewe:Das eine ist für den Lebensunterhalt. Das andere für das gute Gewissen. Aus der Geschichte heraus war das Festival schon immer eine gewerbliche Veranstaltung, damals noch gemeinsam mit dem Label Glitterhouse organisiert, seit diesem Jahr von mir und meiner Frau unter der Rauschen GmbH. Das ist aber nichts, um reich zu werden. Wir wollen mit dem OBS schon was Gutes auf die Beine stellen und auch die, die sonst vergessen werden, sollen etwas abbekommen. Deshalb arbeiten wir eng mit NGOs zusammen: Music Declares Emergency ist seit letztem Jahr dabei, ich bin Pate der örtlichen Sekundarschule im Programm „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ – das heißt da werden die Jugendlichen mit eingebunden, die dann für Viva Con Agua was machen. Wir arbeiten auch mit Sea Watch zusammen. Das ist eine intrinsische Motivation. Da wo ein Stand von einer NGO steht, könnte ich auch eine gewerbliche Bude hinstellen, die dann Wegwerfwerbeartikel verteilen, aber das liegt nicht in unserem Interesse, schon aus Umweltgründen.
MoX: Und dann sind da noch die Jugend- und Sozialtickets…
Stiewe: Die Jugendtickets gibt es auch bei anderen, aber selten so arg verbilligt. Bis 12 kommt man in Begleitung der Eltern gratis bei uns rein. Ab 13 gibt es dann die Jugendtickets für 50˝ statt 155˝. Die Sozialtickets, ebenfalls für 50˝ waren ein großer Wurf, da haben alle anderen gesagt, denen ich davon erzählt habe: du spinnst, das wird ausgenutzt. Wir stellen durch einen Solidartopf finanziertes Ticket zur Verfügung und die Person, die das Ticket kauft, muss in keiner Form eine Bedürftigkeit nachweisen. Das beruht komplett auf Vertrauen. Vielleicht wurde das auch in den letzten 4 Jahren von der ein oder anderen Person ausgenutzt, aber ich glaube in der Menge funktioniert das sehr gut. In den letzten 4 Jahren konnten so knapp 400 Menschen kulturelle Teilhabe genießen.


Foto: Lucja Romanowska

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